Wenn ich es nicht ganz genau wüsste, dann würde ich sagen, so etwas kann es auf unserer Welt nicht geben. Leider gibt es das doch und zwar sogar ziemlich häufig.
Im Laufe der Jahre fiel mir auf, dass etwa jedes dritte Mädchen und jeder fünfte Junge Opfer sexualisierter Gewalt werden. In einer Umfrage des Bundesfamilienministeriums kam heraus, dass sogar 37% aller Frauen berichteten, sie wären Opfer häuslicher Gewalt geworden. Etwa 97% der sexuell missbrauchten Kinder werden im häuslichen Umfeld, also in der eigenen Familie und/oder dem Freundes- und Verwandtenkreis zum Opfer gemacht.
Die meisten Opfer schweigen nicht. Leider muss ein Opfer im Durchschnitt sieben Personen von den Übergriffen unterrichten, ehe ihm geglaubt wird. Dabei bleiben natürlich die meisten auf der Strecke. "Wenn Mutter, Oma und Tante mir nicht glauben wollen, dann glaubt mir sowieso keiner."
Es kommt sogar sehr oft vor - es wird von 85% ausgegangen -, dass die Mutter oder auch andere Verwandte Bescheid wissen oder sogar mitmachen und aus Angst vor Ehr-, Status- oder Bequemlichkeitsverlust schweigen und dem Opfer noch obendrein drohen. "Das was du da sagst, ist sowieso gelogen und wenn du Fremden etwas darüber erzählst, muss der liebe Vati ins Gefängnis und du kommst ins Heim."
Ab und zu kommt es sogar zur regelrechten Vermarktung der Kinder. Die Opfer müssen dann nicht nur den eigenen Eltern oder Verwandten zu Willen sein, sondern werden auch an fremde Personen vermietet. Kinderpornographie ist ein weltweites Milliardengeschäft und es gibt Kinderschänderbanden, die dem interessierten Insider alles liefern, vom Nacktfoto bis zum fertigen Gewaltvideo.
Viele Opfer werden schon im Babyalter sexuell missbraucht. Da ihnen keine andere Art der Aufmerksamkeit zuteil wurde, verwechseln sie diese brutalen Übergriffe mit Zuneigung oder Liebe. Eines Tages sind sie dann - wie es im Fachjargon heißt - "hormonverseucht", kommen also in die Pubertät und sind damit für die meisten Täter nicht mehr interessant. Jetzt wird das Kind plötzlich nicht mehr beachtet und es fängt an, sich und seinen Körper zu hassen.
Sind die Übergriffe so drastisch, dass das Kind sie nicht verarbeiten kann, kann es zur Verdrängung der Erlebnisse kommen. Ist das Opfer erwachsen, hat die Schule beendet, einen Beruf erlernt und eine Familie gegründet, treten diese Erinnerungen in den Hintergrund. Viele Jahre später, wenn die Kinder aus dem Haus sind, stellen sich plötzlich Albträume oder Panikattacken ein. Plötzlich schieben sich schlimme Bilder vor das innere Auge und die Lebensqualität kann dadurch drastisch eingeschränkt werden. Wird das Verdrängte nicht erinnert, kann das Leben des Opfers zum zweiten Mal zur Qual werden.
Ich habe festgestellt, dass ohne die Erinnerung an die Taten, also die Aufarbeitung der schlimmen Geschehnisse, keine wirkliche Besserung auf Dauer möglich ist. Die Opfer, die so viel wie möglich erinnern, eventuell noch weitere Opfer oder Zeugen finden und zum Schluss sogar die Täter damit konfrontieren, haben die besten Chancen, alles wirklich hinter sich zu lassen und zumindest den Rest ihres Lebens glücklich zu leben. "Früher war ich meinem Onkel hilflos ausgeliefert, heute bin ich erwachsen und er kann mir nichts mehr tun."
Leider sperren sich viele Mit-Opfer, Zeugen und Täter. Selbst wenn die Verjährung schon lange eine Strafverfolgung verhindert, streiten sie jedwede Beteiligung vehement ab. Dabei würde eine ehrliche Aussage das Opfer extrem entlasten. Es könnte dann sicher sein, dass die erinnerten Geschehnisse wirklich passiert und nicht die Ausgeburt eines kranken Gehirnes sind.
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